Arbeitszeit neu denken – 4 Tage, 5 Stunden, Jobsharing & Co

Es gibt Evergreen Themen im Personalmanagement – das Thema Arbeitszeit gehört unbestritten dazu. In den letzten 2 Jahren habe ich verstärkt darüber geschrieben: https://www.britta-redmann.de/meine-zeit-gehoert-mir/
Es ist einfach ein absolut wichtiges Thema, denn Zeit ist unser kostbarstes Gut.

Inhalte:
Islands 4-Tage-Woche
Der 5-Stunden-Tag
Jobsharing
Digital Nomad
Sabbatical
Fazit

Islands 4-Tage-Woche

Nun ist es also Island, das mit einem innovativen Arbeitszeitmodell aufwartet. Die Studienergebnisse der 2.500 Teilnehmer in einem Projekt mit 32 Stunden Wochenarbeitszeit an 4 Tagen umfassen in Kürze:

·       Leistung und Produktivität sind nicht eingebrochen
·       Die Anzahl der informellen Überstunden ist nicht gestiegen
·       Neue Arbeitsprozesse bedürfen kaum hoher Anstrengung
·       Kürzere Arbeitszeiten führen zu einer gesünderen Belegschaft
·       Isländer haben die gewonnene Freizeit sinnvoll genutzt

Das klingt erst einmal alles positiv. Das ist auch positiv. In dem Moment, in dem man etwas gewinnt (den freien Tag) ohne etwas zu verlieren (Geld) ist der Anreiz zur Veränderung groß. Aber der Gesamtzeitumfang, den wir zur Verfügung heben, steigt dadurch nicht. Die Reduzierung der Arbeitszeit ist ein Entgegenkommen des Arbeitgebers zugunsten eines gestiegenen Freizeitbedürfnisses auf Seiten der Arbeitnehmer. Unser Arbeitsrecht lässt eine solche Umschichtung ebenfalls leicht zu – die Arbeitsinhalte sind letztlich entscheidend und das Gesamtstundenvolumen je Tag.

Aber: nicht jeder Job lässt sich 8 Stunden hoch konzentriert durchführen

So haben andere Studien immer auch darauf hingewiesen, dass der Druck an den 4 Arbeitstagen, in denen nun die gleiche Arbeit geleistet werden muss, von Menschen als (zu) anstrengend empfunden wird. Dass der Entlastungseffekt verpufft mit der Gewöhnung an die neue  Situation.

Der 5-Stunden-Tag

An der Stelle setzt das Modell des 5 Stunden Tages an. Lasse Rheingans steht wie kein anderer Unternehmer in Deutschland für die 5-Stunden-Revolution. Was 2017 als Modellversuch gestartet ist, ist heute „Arbeitszeitalltag“ in seinem IT Unternehmen. Die wichtigsten Zutaten seitens Arbeitgeber UND Arbeitnehmern? Eigenverantwortung und Selbstdisziplin – denn anstelle des Kaffeeplauschs rückt ein verkürztes intensives Meeting und die ausgedehnte Mittagspause wird ersetzt durch die Fertigstellung eines wichtigen Kundenprojekts. Zeit ist eben doch Geld.

In der Realität hängen die Mitarbeitenden inzwischen die „verloren gegangene“ Beziehungszeit an die Arbeitszeit dran, zumindest zum Teil. Und damit verschwimmt die Grenze zwischen der vertraglich vereinbarten Arbeitszeit (als Anwesenheitszeit) und der effektiven Leistungszeit – was der eigentliche Knackpunkt der Arbeitszeitdiskussion ist. Wie separiert man produktive Zeit von weniger produktiver Zeit und misst dann Erfolg und Leistung?

Als »Erfinder« des Fünf-Stunden-Arbeitstags gilt übrigens Stephan Aarstol, der Gründer von Tower Paddle Boards, einem Hersteller von Standup Brettern. Er verkürzte die Arbeitszeit, beteiligte seine Mitarbeiter mit fünf Prozent am Gewinn und verlangte im Gegenzug dafür doppelte Produktivität. Einfach war die Umstellung nicht, viele Mitarbeiter beklagten sich am Anfang über den hohen Druck, aber Aarstol freute sich über ein Umsatzwachstum von 40 Prozent im ersten Jahr und hochmotivierte Mitarbeiter, die inzwischen mehr Dinge in der Hälfte der Zeit erledigen.

Worin ich Lasse Rheingans voll und ganz zustimme? Bei der Unterschrift seines Buchtitel: Wer Erfolg will muss Arbeit neu denken!

Auch sein Modell ist eines von vielen möglichen, die auf der einen Seite hoch innovativ sein und auf der anderen Seite sehr gut zu unserem tradierten Arbeitsrecht passen.

Jobsharing

Eine Position muss bestimmte Voraussetzungen erfüllen, damit sie zeitlich flexibel umgestaltet und neu sortiert werden kann. Aber selbst wenn das auf den ersten Blick nicht auf eine Stelle zutrifft, dann ist Jobsharing definitiv ein Arbeitszeitmodell, das viel mehr möglich macht, als es augenblicklich noch praktiziert wird. Durch Jobsharing werden Stellen flexibel, die es vorher nicht waren. Selbst komplexe Aufgaben, sogar Führungspositionen. Außerdem reagieren Unternehmen mit dieser Möglichkeit zum flexiblen Arbeiten auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter, schließlich wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf immer wichtiger. Wer als Unternehmer wirkliche Wertschätzung lebt, stellt sich auf die Lebensphasen seiner Mitarbeiter ein. Und kann am Ende so auch gute Fachkräfte gewinnen und langfristig begeistern.

Wenn sich zwei Mitarbeiter eine Stelle teilen, dann hat man in der Summe auch mehr Kompetenz, zwei Blickwinkel und damit in der Regel mehr Kreativität und mehr Inspiration. Denn wer eine ausgeglichene Balance zwischen Privatleben und Beruf hat, ist häufig motivierter und produktiver.

SAP ist hier absoluter „Vorreiter“ in Sachen Jobsharing. „Wir schreiben standardmäßig alle Stellen als für Job-Sharing geeignet aus“, sagte SAPs Personalchef Cawa Younosi schon vor 2 Jahren. „Wir haben festgestellt, dass maximale Flexibilität am wichtigsten für unsere Mitarbeiter ist.“

Zeit zu teilen um mehr daraus zu machen bzw. um den Output zu erhöhen – das ist ja der Klassiker der Arbeitsteilung.

Digital Nomad

Das vermeintliche „Endziel“ des selbstbestimmten Arbeitens – mit dem Laptop am Pool, die Füße im Sand. Für manche ist das die Perfektion der Work Life Balance. Hier sind wir aber in der Regel in einem Modell, dass nichts mehr mit den „klassischen“ Arbeitszeitreduktionsdiskussionen zu tun hat. Denn die wenigsten Digital Nomads können sich darauf verlassen, dass ihre Rentenversicherung, ihre Krankenkasse und ihr Beitrag zur Arbeitslosenversicherung regelmäßig und selbstverständlich gezahlt werden. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und Urlaubsgeld? Pustekuchen!

Damit sind wir am eigentlichen Painpoint jedes flexiblen Arbeitszeitmodells: Es ist immer ein trade off zwischen Freiheit und Sicherheit. Wir können nicht auf der einen Seite größtmögliche Flexibilität erwarten, aber auf der anderen Seite nicht unseren Part dazu beitragen. Das gilt für Arbeitgeber wie Arbeitnehmer. Will man mehr Leistung in kürzerer Zeit, dann muss es dafür mehr Geld geben – oder eben einen Freizeitausgleich.  Und will man mehr Freizeit, dann gibt es eben weniger Geld oder man muss schneller, effektiver, besser arbeiten. Dass das längst nicht in jedem Job möglich (oder gleich einfach) ist, liegt auf der Hand.

Sabbatical

Weil die meisten Menschen dann doch nicht auf die  – wenn auch manchmal regulierende und beschränkende – Sicherheit des Angestelltenverhältnisses verzichten möchten, bietet sich als „lange Auszeit“ ja immerhin das Sabbatical an. Unter einem Sabbatical versteht man eine befristete Auszeit, die in der Regel zwischen 3 und 12 Monaten andauert. Das Fünf-Jahres-Modell ist eine Möglichkeit der Umsetzung: Es wird vier Jahre lang Vollzeit mit reduziertem Lohn gearbeitet. Im fünften Jahr wird der gleiche Lohn bezogen, ohne dafür arbeiten zu müssen. In einigen internationalen Großunternehmen ist sogar schon eine Art „Pflicht-Sabbatical“ anzutreffen. Manager der oberen Ebenen werden alle fünf Jahre für einige Monate nach Hause geschickt. Das soll vor allem der arbeitsmäßigen Überlastung vorbeugen und ist zudem ein Leistungsanreiz.

Fazit:

Zeit ist unser wertvollstes Gut – neben Gesundheit und den Beziehungen die wir pflegen. Das gilt gleichermaßen für „Work“ und „Life“. Genau darum sind sowohl Arbeitnehmer wie auch Arbeitgeber ständig bestrebt, beides in Einklang zu bringen. Aber Menschen haben eben auch ein sehr unterschiedliches Empfinden für diese Balance. Die Arbeitszeit wird immer ein Fokusthema bleiben. Denn nicht nur jeder Mensch empfindet die „optimale“ Stundenzahl anders – nein, sie ändert sich auch noch mehrfach im Verlauf des Arbeitslebens abhängig davon, wofür Zeit sonst noch gebraucht wird. Es ist damit eine mindestens doppelte Optimierungsherausforderung: für den Moment und im Prozess. Klar ist: je mehr flexible Modelle erprobt und für gut befunden werden, desto besser. Denn umso mehr Möglichkeiten haben wir Arbeitszeit zu gestalten. Dazu gehört auch festzustellen, dass ein Modell nicht funktioniert.

Immer aber gilt: Es entscheidend, alle Interessen übereinander zu bringen.

In der Konsequenz bedeutet dass, dass Arbeitszeitflexibilität und Arbeitszeithoheit für Arbeitnehmer Firmen gleichzeitig wettbewerbsfähiger und stärker machen. Denn sonst klappt das auf lange Sicht nicht mit dem „sicheren, festen Arbeitsplatz“. Beide Ziele müssen gleichzeitig verfolgt werden, sonst gehen Firmen langfristig zu Grunde und das entspricht ja nicht den Sicherheitsbedürfnissen der Arbeitnehmer – und auch nicht dem der Gesellschaft. Nennen wir es trade off oder Work-Life-Balance oder Tauschgeschäft. Es muss allen Beteiligten schmecken. Damit wird es immer ein Kompromiss sein. Aber mit gegenseitigem Vertrauen und Verständnis und sicher auch mit Eigenverantwortung uns Disziplin können wir richtig gute Modelle schaffen!

An 365 Tagen im Jahr, 24 Stunden am Tag, in jedem Moment.

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