Arbeitszeit für alle – wie gelingt selbstbestimmte Zeit für alle Generationen?

Ralf (53) braucht mehr Zeit, um seine Eltern jetzt öfter betreuen zu können – er  selbst ist Elektriker in einem mittelständischen Betrieb tätig. Clarissa (25)  – Personalerin – möchte in Teilzeit ins Berufsleben starten, um noch genug Freiraum für ihren Sport zu haben. Sabine (56), Verwaltungsangestellte,  hat den Wunsch, im wöchentlichen Wechsel 3-4 Tage zu arbeiten und sich mehr um ihre Enkelkinder kümmern zu können. Jan (33), Arzt im Krankenhaus,  will am liebsten seine Kinder morgens zur Kita bringen und daher erst um 9:30 anfangen.

Alle haben das gleiche Bedürfnis nach selbstbestimmter Arbeitszeit

Der starke Wunsch ist bei den meisten Mitarbeitenden ausgeprägt, selbst zu entscheiden, von wo aus und wann sie arbeiten und dafür gleichzeitig ein konstant hohes und damit auch planbares Gehalt zu bekommen. Das ist auch keine Frage einer bestimmten Generation oder eines bestimmten Alters, sondern eher einer Lebensphase. Es betrifft die „Wissensarbeiter“ genauso wie den Kollegen, der in der Produktion am Band, im Verkauf tätig ist oder die Ärztin oder das Pflegepersonal im Krankenhaus. Letztendlich kommt es hier gar nicht darauf an, ob die Zeit für Aufgaben in der Familie oder vielleicht für ein Sabatical zur eigenen persönlichen Weiterentwicklung oder einfach nur für „mehr Zeit für sich selber“ genutzt wird. Entscheidend ist:  Die Sehnsucht nach selbst bestimmbarer Zeit ist bei allen die gleiche. Nur die Umsetzung ist bei den sogenannten Wissensarbeitern viel einfacher, weil sie für ihre Tätigkeit keinen bestimmten Arbeitsplatz und auch keine bestimmte „Maschine“ als Arbeitsmittel benötigen.

→ Die Sehnsucht ist alterslos und branchenübergreifend.

Mehr dazu in meinem Artikel im Neustarter Magazin https://neustarter.com/magazine/und-alle-haben-die-gleiche-sehnsucht

Was also tun? Immer mehr Firmen stehen vor dieser Frage und beschäftigen sich damit, wie es gut gelingen kann, Arbeit im Unternehmen zu flexibilisieren. Und zwar tatsächlich unabhängig von der Branche. Was braucht es dafür?

Inhalt
Alle haben das gleiche Bedürfnis nach selbstbestimmter Arbeitszeit
Bewegliche Arbeitszeit fängt im Kopf an
Gesunde Arbeitszeit schafft wahre Freiheit
Zeit statt Geld
Fazit: Betriebliche Umsetzung ist der Erfolgsfaktor

Bewegliche Arbeitszeit fängt im Kopf an

Um die Flexibilisierung der Arbeit möglich zu machen, muss sich die Firmenkultur von einer Präsenzkultur hin zu einer Ergebniskultur entwickeln. Das ist sicherlich kein Wandel, der von heute auf morgen passiert sondern zu dem jeweiligen Unternehmen passen muss und auch eine Veränderung der bisherigen Strukturen, Prozesse und ggf. auch des Miteinanders im gesamten Unternehmen erfordert. Vertrauen bildet sich durch Taten – nicht allein durch eine  „Ansage“ oder dem Aufruf „wir arbeiten jetzt agil“. Vertrauen entsteht auch dadurch, dass durch die Weiterentwicklung zu einer Ergebniskultur bei einer Flexibilisierung der Arbeitszeiten keine Wachstums- oder Umsatzeinbußen einhergehen.  Neue Modelle sind auf ihre Nützlichkeit, ihre Kosten, die Rechtssicherheit und Wirksamkeit zu evaluieren. Das gelingt nur, wenn alle im Betrieb gemeinsam mitmachen. Gemeinsam umfasst: Geschäftsführung zusammen mit den Mitarbeitern, dem Betriebsrat, den Führungskräften und im besten Fall sogar mit den Kunden – denn es ist ja nicht unerheblich zu wissen, was diesem wiederum an Flexibilität nützt.

→Nicht „Wünsch-Dir-Was“ sondern „Was-nützt-allen?“

Gesunde Arbeitszeit schafft wahre Freiheit

Bei all der Flexibilität ist es genauso wichtig, dass neue Zeitmodelle ein geringeres oder besser sogar noch vermindertes Risiko für psychische Belastungen bzw. für Burn-out aufweisen. Die Gefahr „always on“ zu sein, also die ständige Erreichbarkeit, wird dann problematisch, wenn Mitarbeitende kaum noch abschalten können oder meinen, alles (z.B. die Kinder betreuen und gleichzeitig den Controllingbericht zu erstellen) gleichzeitig machen zu müssen. Der Schutz vor Überforderung bleibt in unseren digitalen Zeiten bestehen und ist nach wie vor Aufgabe des Arbeitgebers. Die Anforderungen, die damit an eine flexible Arbeitszeit gestellt werden, sind daher sehr vielseitig und verlangen neue experimentelle Wege.

Zeit statt Geld

Es gibt aktuell die Entwicklung, dass Mitarbeitende oftmals lieber mehr Zeit haben, als mehr Geld. Dieser neuen Entwicklung kann durch unsere aktuelle Gesetzeslage genauso wie durch Tarifverträge oder durch eine vielseitige Gestaltung einer Betriebsvereinbarung oder von Arbeitsverträgen Rechnung getragen werden. Juristisch sind diese Gestaltungswege möglich und keine echte Herausforderung. (Mehr dazu mit praktischen Beispielen im Buch Vergütungssysteme agil gestalten:   https://www.britta-redmann.de/buecher/ )

Aus meiner Sicht stellt sich die wahre Herausforderung in der betrieblichen Umsetzung dar: Denn wenn Mitarbeitende mehr (Entscheidungs-)Freiheit haben wollen, ist die Inanspruchnahme die eine Seite der Medaille, das Miteinander im Team, die gute Zusammenarbeit genauso wie die Produktivität eines Unternehmens die andere Seite. Daher ist die Art und Weise, wie mit der Umsetzung der unterschiedlichen zeitlichen Modelle umgegangen wird, der ganz wesentliche und entscheidende Faktor, ob eine erfolgreiche Umsetzung im Unternehmen gelingt.

In Unternehmen getragene Regelungen werden eher durch eine gemeinsame Vereinbarung als  durch rechtliche Erklärungen herbeigeführt werden können.

Bedürfnisse/Interessen von Mitarbeitern Bedürfnisse/Interessen von Unternehmen
Gestaltung der individuellen Arbeitszeit Mitarbeiter halten, gewinnen, motivieren
Wunsch nach flexibler Arbeitszeit Flexible Verfügbarkeit
Anpassung der Arbeitszeit an unterschiedliche Lebensphasen Attraktivität als Arbeitgeber, Image
Planbarkeit der Arbeitszeiten Kundenorientierung, Anpassungsfähigkeit
Vereinbarkeit von Arbeit, Familie, Privatleben Höhere Leistungsfähigkeit
Zugehörigkeit Demografiefestigkeit
Gesundheit & Wohlbefinden Gesunde Mitarbeiter – reduzierte Fehlzeiten
Gestaltungsspielraum
Nutzen u. Bedarfsorientierung am jeweiligen Unternehmen
Längere Lebensarbeitszeit durch Anpassung an Lebensphasen
Wettbewerbskraft

Tabelle: Bedürfnischeck „Gesetzliche Spielräume der Arbeitszeitgestaltung“, Redmann, Vergütungssysteme agil gestalten, Haufe 2019

Fazit: Betriebliche Umsetzung ist der Erfolgsfaktor

Die Flexibilisierung von Arbeitszeit ist eine wirkliche umfassende Gestaltungsaufgabe im Unternehmen, die über das „reine Modelle implementieren“ hinausgeht. Es geht hier eher um ein „Lebenszeitmodell“ statt nur ein Arbeitszeitmodell. Dem Unternehmen, dem es gelingt, eine solche neue Zeitgestaltung derart in einer Organisation einzubinden, dass das Unternehmen sogar noch stärker und produktiver und möglichst auch attraktiver (als Arbeitgeber) wird, ist das Kunststück gelungen, sowohl den berechtigten Sehnsüchten von Mitarbeitenden als auch den berechtigten unternehmerischen Bedürfnissen, den Bedürfnissen der Kunden und der stetigen Herausforderung der Konkurrenz gleichermaßen Rechnung zu tragen.

→Flexible Arbeitszeit ist eine Haltung – und dann klappt´s auch mit der Lösung 

Quellen/Hinweise:
1) https://neustarter.com/magazine/und-alle-haben-die-gleiche-sehnsucht
2) Redmann, Britta, Vergütungssysteme gestalten: agil, rechtsicher, nicht-monetär, Haufe 2019
3) https://www.britta-redmann.de/auf-zu-neuen-galaxien-flexible-arbeitszeiten-die-reise-ins-unbekannte/
4)
https://intrinsify.de/arbeitszeitregelung-arbeitszeitgesetz-spielraeume/
5) https://www.britta-redmann.de/1-2-fuehrung-geteilte-zeit-ist-zeit-fuer-alle/

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