4-Tage-Woche: die neue Vollzeit?

Die Idee einer Vier-Tage-Woche in Deutschland bleibt „en vogue“. Was modern ist hat immer Vorreiter, Anhänger und Gegner zugleich. Es lohnt also (noch) ein systematisierender Blick – finde ich.

Grundsätzlich kann die Gestaltung der Arbeitszeit heutzutage immer flexibler und individueller erfolgen. Arbeitnehmenden, die ihre Arbeitswoche auf vier Tage umverteilen möchten, stehen heute nur wenige rechtliche Hürden im Weg. Das Arbeitszeitgesetz erlaubt beispielsweise eine tägliche Höchstarbeitszeit von bis zu zehn Stunden, solange die wöchentliche Durchschnittsarbeitszeit von acht Stunden pro Werktag nicht überschritten wird. Dies eröffnet die Möglichkeit, eine 40-Stunden-Arbeitswoche auf vier Tage zu je zehn Stunden aufzuteilen, was eine attraktive Option für viele Arbeitnehmende darstellt. Es bleibt also bei der gleichen Wochenarbeitszeit und dem gleichen Gehalt.

Inhalt:
Ausgangssituation
Was vorher zu beachten ist
Die arbeitsrechtliche Sicht
Erfolgsfaktoren einer neuen Arbeitszeit
Ausblick
Und noch meine Meinung 🙂

Ausgangssituation

Nach erfolgreichen Modellversuchen in den USA, Australien, Island und zuletzt Großbritannien, bei denen die Vier-Tage-Woche als vielversprechendes Arbeitszeitmodell getestet wurde, stehen einige deutsche Unternehmen im kommenden Jahr in den Startlöchern, um diese innovative Arbeitsweise ebenfalls zu erproben. Diese vielversprechende Entwicklung wurde von der renommierten Beratungsagentur Intraprenör angekündigt, die die Organisation des Projekts in Deutschland verantwortet. Dabei wird das Vorhaben eng von der internationalen Initiative „4 Day Week Global“ begleitet und von der Universität Münster wissenschaftlich unterstützt. Das Hauptziel besteht darin, die potenziellen positiven Auswirkungen einer Arbeitszeitverkürzung auf vier Tage pro Woche bei gleichzeitigem Lohnausgleich sorgfältig zu analysieren und zu bewerten – nicht zuletzt auf die (individuelle) Produktivität der teilnehmenden Unternehmen und (kollektive) Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft hin. Bei diesem Modell der 4 Tage Woche wird das Wochenarbeitszeitvolumen also auch verkürzt, das Gehalt aber nicht.

Es gibt aktuell nicht die 4-Tage-Woche als das eine richtige Modell, vielmehr sind verschiedene Ausgestaltungen möglich.

Was vorher zu beachten ist

Dafür ist es von entscheidender Bedeutung, die aktuelle Produktivität zu bewerten und zu quantifizieren. Hier muss a priori ganz deutlich die Frage gestellt (und beantwortet) werden: Wie viel Produktivität muss erhalten bleiben oder sogar gesteigert werden, um die Wirtschaftlichkeit des Unternehmens bei Einführung eines solchen Modells zu gewährleisten?

Es ist zu prüfen, wie sich das bestehende Geschäftsmodell bei gleichbleibenden Kosten anpassen lässt:

  • Sind zusätzliche Kosten zu berücksichtigen, müssen Arbeitsabläufe neu gestaltet werden?
  • Ist die Erreichbarkeit für Kunden und interne Abläufe weiterhin gewährleistet?
  • Soll die 4-Tage-Woche durch vier Arbeitstage mit jeweils zehn Stunden realisiert werden? Dabei ist sicherzustellen, dass keine Minute länger gearbeitet wird, um einen Verstoß gegen das Arbeitszeitgesetz zu vermeiden.
  • Wenn weniger als 10 Stunden pro Tag gearbeitet werden, beispielsweise 4 x 9 Stunden bei vollem Gehaltsausgleich, müssen möglicherweise alle Gehälter entsprechend angehoben werden, um den Gleichbehandlungsgrundsatz zu wahren.

Die vertragliche Gestaltung muss sorgfältig bedacht werden, insbesondere wenn Mitarbeitenden die Wahlfreiheit zwischen verschiedenen Arbeitszeitmodellen erhalten bleiben soll. In solchen Fällen müssen regelmäßig neue Verträge bzw. Vertragsergänzungen erstellt werden.

Die Anpassung von Urlaubsansprüchen und die entsprechende Hinterlegung im System sind erforderlich. Der Personalmanagement-Aufwand und der personelle Aufwand im Allgemeinen müssen berücksichtigt werden.

Und – Achtung! – an die Abstimmung im Team ist zu denken, insbesondere wenn es Wechselmöglichkeiten im Modell gibt. Zudem erfordert die Änderung von betrieblichen Arbeitszeiten die Mitbestimmung des Betriebsrats.

Die arbeitsrechtliche Sicht

Arbeitsvertrag, Betriebsvereinbarung und Tarifvertrag sind die Grundlagen für jegliche arbeitsvertraglichen Veränderungen des Arbeitszeitvolumens. Ein Arbeitgeber kann nicht einseitig den Umfang der Arbeitszeit reduzieren. Eine solche Änderung erfordert stets das Einverständnis des Mitarbeitenden.

Es gibt verschiedene rechtliche Möglichkeiten zur Reduzierung der Arbeitszeit, zum Aufbau von Arbeitszeit oder zur Berücksichtigung besonderer Lebensphasen, wie z.B. das Teilzeit- und Befristungsgesetz, Job-Sharing, Arbeit auf Abruf, Gleitzeit und Vertrauensarbeitszeit. Die Dauer und Verteilung der Arbeitszeit müssen jedoch im Rahmen des Arbeitszeitgesetzes liegen, und die Mitbestimmung des Betriebsrats ist zu beachten.

Erfolgsfaktoren einer neuen Arbeitszeit

Die Transparenz der Regelungen und der Kommunikation ist entscheidend, beides muss eindeutig und klar sein.

Verbindliche Regelungen für die Abstimmung im Team sind notwendig, um Konflikte zu vermeiden. Präsenzzeiten sollten klar        definiert werden.

Regelmäßige Überprüfungen der Produktivität und Stimmung sind erforderlich.

Die gemeinsame Verantwortung aller Beteiligten ist von zentraler Bedeutung, da Arbeitszeit nur erfolgreich gemeinsam gestaltet      werden kann.

Ausblick

Die Einführung einer Vier-Tage-Woche kann sowohl für Arbeitgebende als auch Arbeitnehmende attraktiv sein, erfordert jedoch eine sorgfältige Planung und Abstimmung. Die rechtlichen Rahmenbedingungen erlauben verschiedene Modelle, die je nach Unternehmenssituation und individuellen Bedürfnissen angepasst werden können. Der Erfolg einer solchen Umstellung hängt von transparenten Regelungen, kontinuierlicher Kommunikation und der gemeinsamen Verantwortung aller Beteiligten ab. Während die Vier-Tage-Woche nicht für jede Branche und Position geeignet ist, kann sie in bestimmten Fällen die Flexibilität und Lebensqualität der Arbeitnehmer steigern und gleichzeitig die Produktivität des Unternehmens erhalten oder steigern.

Die bereits durchgeführten Pilotprojekte in verschiedenen Ländern haben gezeigt, dass die Vier-Tage-Woche nicht nur die Work-Life-Balance der Arbeitnehmer verbessern kann, sondern auch die Produktivität und das Wohlbefinden steigert. Diese Erkenntnisse haben dazu geführt, dass immer mehr Unternehmen weltweit nach Möglichkeiten suchen, dieses Modell in ihren Betrieben zu implementieren. Es wird erwartet, dass die Erprobung in Deutschland weitere wertvolle Erkenntnisse und Erfahrungen liefern wird, um die Zukunft der Arbeitswelt positiv zu gestalten und den Bedürfnissen von Arbeitnehmern und Arbeitgebern gleichermaßen gerecht zu werden.

Dies kann für einige Mitarbeiter äußerst attraktiv sein, da sie einen zusätzlichen freien Tag erhalten. Letztendlich ist jedoch das Gesamtpaket entscheidend. Arbeitgeberattraktivität und Fachkräftemangel sind nur einzelne Aspekte von vielen. Diese Entwicklung befindet sich noch in einer Ausprobierphase, und es gibt viele Fragen, die geklärt werden müssen.

Und noch meine Meinung 🙂

Ich selbst bin übrigens weder für noch gegen die 4-Tage-Woche – allerdings ist es mir sehr wichtig, dass auch die 4-Tage-Woche – wie viele andere attraktive und praktikable Arbeits(zeit)organisationsformen – im Gesamtkontext betrachtet wird. Es funktioniert weder als „Einbahnstraße“ noch als „One-size-fits-all-Lösung“ sondern es hat vielschichtige und vor allem nachhaltige Konsequenzen. Jedes Unternehmen sollte sich daher vorab vor allem zwei „einfache“ Fragen stellen:

  • Was passt zu uns?
  • Welchen Nutzen / welche Ziele verfolgen wir damit?

Wir haben alle erlebt, wie Corona unsere Organisationsformen in Unternehmen radikal verändert hat. Mobiles Arbeiten und Homeoffice ist für die überwiegenden Mitarbeiter (und Unternehmen) nicht mehr wegzudenken. Unternehmen brauchen also eine gute Strategie, hybrides Arbeiten so bei sich zu verankern, dass Bedürfnisse von Mitarbeitern positiv erfüllt werden und gleichzeitig damit das Unternehmen in seiner Produktivität gestärkt wird.

Nur die Bindung der Arbeitnehmer an das Unternehmen bzw. die Arbeitgeberattraktivität ist oftmals zu kurz gedacht.

Soweit es gelingt, örtliche und zeitliche Flexibilität in einer Organisation so zu gestalten, dass das Unternehmen stärker und produktiver wird, ist das Kunststück gelungen, sowohl den berechtigten Bedürfnissen der Beschäftigten als auch denen des Unternehmens gerecht zu werden. Neue Arbeitsformen bedürfen einer Haltung, die das Zusammenwirken aller erfordert.

Weiterführende Hinweise:
https://www.iwkoeln.de/studien/holger-schaefer-kein-modell-fuer-alle.html
https://www.zdf.de/nachrichten/wirtschaft/vier-tage-woche-pilotprojekt-deutschland-102.html
https://www.intraprenoer.de/4tagewoche

Webinartipps:
https://www.dashoefer.de/online-seminar/moderne-arbeitsformen-rechtlich-und-organisatorisch-bewertet.html
https://www.vuv-bildungsexperten.de

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