Πολύ – Polywork statt New Work

Jetzt also Polywork.

Noch so ein Buzzword und ein schräger Trend für die Arbeitswelt – hab ich tatsächlich spontan gedacht. Und dann hab ich genauer hingeguckt.

Der Begriff mag neu sein – was dahinter steckt ist zutiefst menschlich und sinnvoll.

Polywork kann verschiedene Formen annehmen, einschließlich Freelancing, Teilzeitjobs, selbstständige Projekte, ehrenamtliche Tätigkeiten und mehr. Der Begriff reflektiert den Trend, dass wir Menschen in der heutigen Arbeitswelt uns immer mehr wünschen Fähigkeiten und Interessen in verschiedenen Bereichen einzusetzen, anstatt sich auf eine einzige Karriere zu beschränken.

Digitalisierung macht viel möglich, Krisen machen viel nötig, Vereinbarkeit hat immer mehr Facetten.

Viele Arbeitnehmende, vor allem junge Menschen, entscheiden sich bewusst dafür, die Grenzen zwischen Lohnarbeit, unternehmerischer Tätigkeit, ehrenamtlichem Engagement und Hobbys zu verwischen. Dieser Ansatz schafft eine Art „Polyamorie der Arbeit“, bei der individuelle Fähigkeiten und Interessen auf vielfältige Weise zum Ausdruck kommen.

Was ist Polywork…?

Polywork beschreibt eine Arbeitsorganisationsform, bei der Menschen nicht nur einen festen Job haben, sondern mehrere verschiedene Tätigkeiten, Projekte oder Rollen gleichzeitig ausüben. Dabei können die verschiedenen Elemente der Arbeit oft nahtlos miteinander verbunden werden, um eine sinnvolle und erfüllende berufliche Erfahrung zu schaffen. Der Begriff reflektiert die Idee, dass Arbeit nicht mehr in starren Strukturen verlaufen muss, sondern flexibel und anpassungsfähig sein kann.

Der Grafikdesigner, der tagsüber in einem Marketingunternehmen arbeitet, abends freiberuflich an verschiedenen Projekten teilnimmt und am Wochenende an einem ehrenamtlichen Kunstprojekt beteiligt ist, wäre ein typischer Polyworker.

Aber das funktioniert eben nicht nur für kreative Berufe, oder solche, denen man gemeinhin „feste Strukturen“ eher abspricht. Es funktioniert eben auch, wenn man in reduzierter Arbeitszeit bei einem Unternehmen angestellt ist, nebenbei selbständig ist oder vielleicht dozierend aktiv ist in einem ähnlichen oder ganz anderen Feld und sich – denn auch Care-Arbeit ist unbedingt Teil des Polywork-Gedankens – um die Familie oder soziale Projekte kümmert.

…und was nicht!

Polywork und Multitasking mögen auf den ersten Blick ähnlich erscheinen, da beide Konzepte die Idee einer simultanen Ausführung mehrerer Tätigkeiten implizieren. Jedoch liegt der entscheidende Unterschied in der Herangehensweise und dem zugrunde liegenden Prinzip. Menschen, die Polywork praktizieren, streben bewusst nach einer breiten Palette von Tätigkeiten. Es geht nicht darum, viele Dinge gleichzeitig zu erledigen, sondern verschiedene Aufgaben, Projekte oder Rollen im Laufe der Zeit zu bewältigen. Polywork betont die Struktur und den bewussten Einsatz von Fähigkeiten in verschiedenen Kontexten, um eine vielseitige und erfüllende berufliche Erfahrung zu schaffen. Im Gegensatz dazu kann zu viel Multitasking zu Stress, Qualitätsverlust und ineffizienter Arbeitsweise führen. Die Herausforderung besteht darin, die Vielseitigkeit bewusst zu gestalten und in einem strukturierten Takt zu agieren, um die Potenziale verschiedener Tätigkeiten voll auszuschöpfen, ohne die Gefahren des übermäßigen Gleichzeitigen zu ignorieren.

Ich meine – das nur am Rande – hier auch nicht das Social-Media-Netzwerk Polywork, das vor ein paar Jahren als Konkurrenz zu LinkedIn & Co angetreten ist. Da es mir erst im Zuge meiner Recherchen hier begegnet ist, scheint die Relevanz (in meiner Arbeitswelt) begrenzt zu sein ;-).

Vorteile von Polywork in einer agilen Arbeitswelt

Die VUCA-Welt zeichnet sich durch schnelle Veränderungen aus. Polywork ermöglicht es Menschen, sich leichter an neue Anforderungen anzupassen, da sie bereits Erfahrungen in verschiedenen Kontexten gesammelt haben. Die Vielseitigkeit schafft eine natürliche Anpassungsfähigkeit.

In einer agilen Umgebung ist es entscheidend, dass Menschen ein breites Spektrum von Fähigkeiten besitzen. Polywork fördert die Entwicklung von unterschiedlichen Kompetenzen und trägt so dazu bei in verschiedenen Situationen und Projekten erfolgreich zu agieren.

Die traditionelle Karriereleiter ist in der VUCA-Welt oft nicht mehr linear. Polywork erlaubt es Menschen, ihre Karriere auf nicht-traditionelle Weise zu gestalten, indem sie verschiedene Erfahrungen sammeln und ihre berufliche Reise flexibel anpassen.

Die Fähigkeit in verschiedenen Kontexten zu arbeiten fördert eine höhere psychische Widerstandsfähigkeit gegenüber unvorhersehbaren Herausforderungen. Polyworker sind oft resilienter und besser darauf vorbereitet, mit Unsicherheit und Komplexität umzugehen.

Polywork kann als Antwort auf VUCA betrachtet werden, da es eine gezielte Strategie ist, um mit den Herausforderungen der VUCA-Welt umzugehen. Gleichzeitig ist es auch die „die andere Seite der Medaille“ von VUCA, da die Notwendigkeit flexibel zu sein und sich schnell anzupassen dazu führt, dass Menschen vermehrt nach vielseitigen Karrierewegen suchen (müssen).

Auch Arbeitgebende können von Polywork profitieren. Durch den Einsatz von vielseitigen Mitarbeitenden, die verschiedene Fähigkeiten und Perspektiven einbringen, können Unternehmen flexibler auf Herausforderungen reagieren. Zudem fördert Polywork die Kreativität und Innovation in Teams. Nicht zuletzt reduziert es größte „Wechseltrigger“: Auf der anderen Seite – so glaubt man ja, wenn man fest angestellt in einem Unternehmen ist, ist das Gras immer grüner. Wer aus unterschiedlichen Perspektiven auf die verschiedenen Grassorten schaut, weiß schnell, dass das nur selten der Fall ist. Es kommt eben immer darauf an, in welchem Winkel die Sonne gerade drauf scheint.

Polywork kann Mitarbeiterbindung erzeugen. Dafür muss ich als Arbeitnehmerin nicht „mit Haut und Haar“ dem einen Arbeitgeber verbunden sein. Umgekehrt ist ein Teilzeitmitarbeitender mit 100% Motivation produktiver als der Vollzeitmensch mit reduziertem Engagement.

Arbeitsrechtliche Aspekte des Polywork

Polywork klingt nach viel Freiheit, viel Flexibilität, viel Bedürfnisorientierung – das braucht mindestens so viel Regelung, wie starre Systeme. Die klare Festlegung von Arbeitszeiten und die Abstimmung von Verantwortlichkeiten sind entscheidend, um sowohl die Interessen der Arbeitnehmer als auch die des Arbeitgebers zu schützen. In meinem Buch Lebensphasenorientiertes Leadership geht es explizit darum, dass unterschiedliche Lebensphasen unterschiedliche Arbeitsmodelle erforderlich machen. Hierzu braucht es dann eben auch unterschiedliche arbeitsvertragliche Regelungen. Diese „Auszeiten“ können dann nicht nur für Care-Arbeit, Ehrenamt oder ein Sabbatical genutzt werden, sondern genauso für ein Sidepreneurship, einen weiteren Job oder ein Hobby.

Arbeitsrechtlich ist wichtig: wenn die Arbeitszeit reduziert wird, muss festgelegt werden, wie hoch der Umfang ist und ob es notwendig ist feste Arbeitszeiten festzulegen – das variiert von Job zu Job.

Vom Hobby oder der familiären Situation muss der Arbeitgebende natürlich nicht wissen, wie die Details aussehen. Wenn es um mehrere parallele Vertragsverhältnisse geht, ist es etwas komplizierter. Der „Hauptarbeitgeber“ muss je nachdem eine Nebentätigkeit genehmigen. Tätigkeiten, die in Konkurrenz zum Angestelltenverhältnis stehen, können ausgeschlossen werden. Hier ist ein detaillierter Blick notwendig, um mögliche Konflikte im Vorfeld auszuschließen. Wichtigster Aspekt: Transparenz. Was offen kommuniziert wird, wird wesentlich seltener zum Streitfall.

Ebenfalls wichtig: Herauszustellen, dass Polywork keine Einbahnstraße ist – Vielfalt für den Arbeitnehmendem ist gleichzeitig eine Chance für den Arbeitgebenden. Das Arbeitsrecht bildet hier die gemeinsame Leitplanke, innerhalb derer sichere und agile Verträge ausgearbeitet werden können.

Netzwerkstrukturen (und durch Polywork entstehen genau diese) bedürfen komplexer Regelungen. Das muss nicht kompliziert sein – wenn man es richtig angeht und aufsetzt.

https://www.britta-redmann.de/arbeitsrecht/

Polywork und Ehrenamt

Eine total interessante Verbindung besteht zwischen Polywork und ehrenamtlichem Engagement – etwas, das mich schon immer sehr interessiert. Ich bin überzeugt davon, dass unsere Arbeitswelt „besser“ funktioniert, wenn wir uns auch sozial engagieren (vgl. https://www.britta-redmann.de/freiwilliges-engagement-als-produktiver-wirtschaftsfaktor) . Umgekehrt profitiert das Ehrenamt von den Erfahrungen agiler Arbeitswelten. Viele Menschen nutzen ihre Vielseitigkeit, um nicht nur beruflich, sondern auch gesellschaftlich aktiv zu sein. Diese Verbindung kann sowohl persönlich erfüllend als auch gesellschaftlich wertvoll sein. Die Softwareentwicklerin, die sich neben ihrer beruflichen Tätigkeit auch in einem Verein für digitale Bildung engagiert und ihre technischen Fähigkeiten nutzt, um Jugendlichen Programmieren beizubringen, ist „die“ Polyworkerin der Zukunft. Polywork bildet Brücken zwischen Beschäftigungen und damit auch zwischen Menschen.

Fazit

Polywork bietet in einer dynamischen und oft auch sehr unsicheren Arbeitswelt die Möglichkeit, Beruf und persönliche Interessen auf innovative Weise zu verbinden. Die Vielfalt der Tätigkeiten eröffnet neue Chancen für persönliches Wachstum, berufliche Weiterentwicklung und gesellschaftliches Engagement.

Polywork heiß nicht sich in zu vielen Aufgaben zu verlieren. Der Wunsch nach Vielfalt und Flexibilität in der Arbeit sollte stets in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Das griechische Wort „πολύ“ mag Vielzahl bedeuten, doch in der Welt der Arbeit sollte es nicht als „zu viel“ interpretiert werden. Eine individuell gesunde Dosierung aus Sicherheit und Agilität, aus Planbarkeit und Spontanität, aus Lernen und Können erzeugt viele „perfect matches“.

„Im Büro arbeiten, eine NGO gründen und gleichzeitig ein Musical produzieren.“ – Nun, das ist vielleicht etwas übertrieben. Aber es gibt viele andere Kombinationen, die sehr realistisch sind.

In der Polyamorie der Arbeit liegt viel Potenzial für eine agile Arbeitswelt, finde ich! Und ganz ehrlich sind die meisten uns uns längst mehrgleisig unterwegs – überlegt mal selbst… 😉

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